Röntgenportrait | X-Ray Portrait 2003-2006

Röntgenportrait 

Röntgenbilder sind kein klassisches Medium der Kunst. Treten sie in den Kunstkontext, geschieht eine Verschiebung: Die ursprüngliche Intention der medizinischen Diagnose tritt zurück gegenüber einem metaphorischen Gebrauch der Bilder.
Im Jahre 2000 fand man auf dem Dachboden des berühmten Festspielhauses in Dresden-Hellerau eine Holzkiste. Inhalt: Miteinander verklebte, teils schon durch Mikroben zerfressene Röntgenaufnahmen von russischen Soldaten. Auf dem Gelände innerhalb der Gartenstadt Hellerau, die 1909 als alternatives Siedlungsexperiment gegründet wurde und sich schnell zu einem kulturellen Anziehungspunkt für die Anhänger der Lebensreform entwickelte, waren nach dem Krieg ein halbes Jahrhundert russische Truppen untergebracht. Der Fundort, das Festspielhaus von Architekt Heinrich Tessenow, diente während dieser Zeit als Turnhalle. Die Röntgenbilder wurden hier 2003 durch den Künstler und Fotografen Tor Seidel als vergrößerte Reproduktionen ausgestellt: Eine Rekontextualisierung.
Die Bilder entziehen sich zunächst der Interpretation als Portrait: Muskeln, Haut oder Mimik fehlen – all das, was zum Wiedererkennen und Lesen eines Gesichts wichtig erscheint. Sie sind im ersten Moment nur Schädelknochen. Allerdings von unterschiedlichen Menschen mit individuellen Geschichten.
Es gibt viele Möglichkeiten, sich den Röntgenbildern zu nähern. Für Seidel selbst war es die Neugierde, diese geisterhaft erscheinenden Schädel aus dem Kontext des „Danse macabre“ zu befreien und eine neue Lesbarkeit zu ermöglichen. Denn auch wenn diese durchleuchteten Schädel nicht die vertraute Oberfläche eines Gesichts besitzen, so erzählen sie doch von Menschenschicksalen. Wenn auch den Lebenden als Bild abgenommen, so ist der Tod doch hier in doppelter Weise präsent: Einmal medial, weil die Fotografie grundsätzlich immer einen verlorenen Augenblick der Vergangenheit als unwiederbringlich gewesen beweist. Zum anderen symbolisch, weil die abgebildeten Köpfe an das memento mori Motiv des Totenschädels aus der Kunstgeschichte erinnern. Der Arzt hingegen wird in solchen Röntgenaufnahmen den Tod unter Umständen noch in anderer, prognostischer Weise erblicken. Er wird ihn subkutan sehen, dem normalen Anblick entzogen, obwohl schon in Knochen und Eingeweiden nistend...
 

Ronald Berg


Installation Festspielhaus Dresden-Hellerau 2003


Head 01


Head 03


Head 04


Head 06


Head 08


Head 08


Head 12