Schmerz der Archivare | Pain of the archivists 1995-2011

Der wahre Sammler müsse, so Walter Benjamin, den Gegenstand aus seinen Bedeutungszusam- menhängen herausheben, um zu einem unvergleichlichen Blick auf den Gegenstand zu gelangen -dem Blick des großen Physiognomikers. Und deshalb sei ihm in jedem seiner Gegenstän- de die Welt präsent. Doch ihm schwindet die Hoffnung auf eine Vollständigkeit der Dinge. Daher ist der Sammler auch ein Allegoriker, nicht mehr bedacht auf eine unheimliche Vollständigkeit, sondern nur noch auf das Geheimnis der vielen, miteinander verbundenen Dinge.

Für Ernst Jünger ist die Katastrophe eine Bedingung des Sammelns: Im Verlust der Kulturgüter verfeinere sich der Sinn für diese, das Verschwinden schärfe die Wahrnehmung ihrer immanenten Ordnung. Durch Trümmer und Brände walte ein erhellendes Prinzip. Wo nicht Zerstörung, dort keine Sammlung.

Dieses Denken verändert den Blick auf die Übergänge der Arten und Formen. Die Dynamik des Wandels gerät in den Blick, wird wichtiger als das Phänomen. So verfolgt Jünger die Spur eines Sehens der Dinge, die sich verändern wird: von „Buch der Welt“ - Deuter Linné über den wissenschaftlichen Naturbeobachter Dar- win bis zum Sammler der banalen Dinge. Letzterer strebt nicht wissenschaftliche Voll- ständigkeit an, sondern er liest die Trümmer auf, er versucht die Spuren des Verschwindens zu verstehen. Es ist die Wiederkehr des sensiblen, beobachtenden Sammlers, den das 18. Jahrhundert hervorbrachte, am Ausgang der Kuriositä- tenkabinette, am Beginn der wissenschaftlichen Sammlungen. Allerdings ist seine Leidenschaft immer etwas von beidem, in ihm begegnet man einem seltenen Typus - dem Archivar der Verzweiflung, dem Künstler der Unnötigkeiten.

Eine Sammlung von Kernseifen wäre, in der Zeit ihres regulären Gebrauches wohl undenkbar gewesen, weil der Gebrauch ein solches Sammeln absurd erscheinen lässt. Sie findet erst im 21. Jahrhundert ihren Sinn, weil der Gebrauch an Bedeutung verliert. Sodann wird es möglich einen Atlas zu bilden, der Geruch, Formen, Farbe katalogisiert, und ein chronologisches System aufstellt. Der Künstler und Sammler der banalen Dinge begibt sich zudem auf eine symbolische Ebene, welche der Atlas nicht leisten kann, er verspricht keine Natur- oder Ideengeschichte.

1997 hatte ich in Taschkent auf dem Zentralmarkt lernen können, dass es wohl ebensoviel Kernseifen wie Melonensorten geben dürfte. Deren starker Geruch ergoss sich wie der Duft der Gewürze auf dem angrenzenden Gewürzmarkt über alles. Einige Tage später. Verloren in einem Gebirge zwischen der Wüste Kysylkum und Karakum wohnte ein als verworren gelten- der Dichter. Wir besuchten diesen einsiedlerisch lebenden, als Fachmann der tadschikischen Sprache geltenden Mann. Er führte mich durch seine ausgedehnte, wohlausgestattete Lehmbe- hausung. Von den Decken herab hingen zahllose Beutel, undefinierbare Behälter, Tüten. Irgend- etwas fing in meinem Kopf an zu schwirren. Auf die Frage, was denn diese Behältnisse enthielten, antwortete er: „all die Dinge des Lebens. Wenn ich irgendwas brauche, lasse ich einen herab.“ Nach dieser Begegnung träumte ich von mit Kernseifen gefüllten, über mir schwebenden Beuteln, die alles enthielten.

Walter Benjamin, Passagenwerk. «Der Sammler», «Ausgraben und Erinnern», Ernst Jünger, «Subtile Jagden» 


Installation "Schmerz der Archivare" Gallery Berlin Weekly

750 different soaps


Soap Plate


Detail Soap Plate


Detail Soap Collection


Tooth model, made by soap


Catalogue

Catalogue